Wo und wie Frauen begonnen haben zu schweigen

Über Sprache, Erinnerung und die Rückkehr zur eigenen Stimme 

 

Sprache als schöpferische Kraft

Etwas, was den Menschen besonders kennzeichnet ist die Sprache. 

Sprache dient der Kommunikation mit anderen Menschen aber auch der Kommunikation mit sich selbst.

 

          Wir denken in Sprache.

          Wir erinnern in Sprache.

          Wir lieben in Sprache.

          Wir verletzen in Sprache.

 

Sprache hat viele Facetten:

In unserer heutigen Welt dient Sprache aber hauptsächlich der Weitergabe von Informationen und Wissen. Es ist ein abstraktes, rationales Konstrukt geworden, das wir so neutral wie möglich halten möchten, dabei aber einen wesentlichen Punkt vergessen: 

Sprache ist ebenfalls ein Raum für 
          unsere Emotionen, 
          unsere Überlieferungen, 
          unsere individuellen und kollektiven Erinnerungen, 
          unsere persönliche Weisheit.

Für dich: 


Halte einen Moment inne und spüre nach: 

  • Welches Wort hat mich am meisten geprägt?
  • Welches Wort trägt am meisten Schmerz
  • Welches am meisten Wärme

In diesem Raum „Sprache“ wird auch unsere Wirklichkeit erschaffen.

 
Sprache erschafft auch unsere Wirklichkeit, unser Zugehörigkeitsgefühl, unser Selbstverständnis.

 

Unser Selbstbild und unser Selbstwertgefühl sind geprägt durch die Worte, die wir im Laufe unserer Entwicklung gehört haben. Hier könnte ich ein ganzes Kapitel über die Wirksamkeit der Erziehung über unser Selbstbild öffnen, aber das würde den jetzigen Rahmen sprengen. Dazu vielleicht später einen gesonderten Beitrag.

So bewegt sich das „Wort“ von außen nach innen – der erschaffene äußere Raum findet seinen Spiegel im Innern, festigt sich dort, formt unser Selbstbild und beeinflusst so die eigene Wahrnehmung. Es ist ein unendlicher Kreis, der sich bildet.

 

Jenseits dieses direkt erfahrenen Einflusses der Sprache auf unsere Entwicklung, wissen wir mittlerweile auch – insbesondere durch die Arbeiten von C.G. Jung – über die archetypische Wahrheit, die in uns zu Hause ist. Diese archetypischen Muster und Bilder werden durch die Sprache aktiviert, können aber auch anhand der Sprache erforscht werden. Das ist wichtig zu erinnern, wenn wir diesen unbewussten Raum betreten, den wir weder auf Anhieb verstehen noch erklären können. Manchmal sogar, nicht wissen, dass wir ihn gerade betreten haben. 

Empfindungen, Wahrheiten, Weisheiten können kurzfristig aufflackern, aber im ersten Moment absolut keinen Bezug zu irgendetwas zu erkennen geben.

 

Sprache öffnet so einen viel tieferen Resonanzraum in uns – jenseits des rationalen Denkens. Auf den ersten Blick unverständlich und befremdlich, auf einem zweiten Blick wie schon immer gewusst. Mit den gehörten Worten können Momente des Erinnerns entstehen, aber auch Momente des kompletten Entfremdens. Momente, der nicht verständlichen Freude und Glückseligkeit, wie Momente der nicht erklärbaren Trauer oder Schmerzes.

 

Worte sind mehr als nur abstrakte Konstrukte. 
Worte sind Behälter für  Emotionen, für Weisheit, für Gefühle, für Gelebtes.

 

Und hier wird es dann spannend. Was geschieht denn, wenn die Sprache, die wir über uns hören, die wir als unsere Sprache verinnerlicht haben, Sprache, in der wir über uns denken, mit der wir uns bewerten, urteilen, … nie wirklich unsere eigene war? 

 

Die weibliche Erfahrung

Was geschieht, wenn diese Behälter gefüllt sind mit Dingen, die nicht mir gehören? 
Was geschieht, wenn die Sprache, in der du über dich denkst, nicht deine eigene wahrhaftige Sprache ist?

 

 

Das linguistische Narrativ


Sprache ist weit mehr als ein Mittel zur Verständigung. In ihr spiegeln sich Weltbilder, gesellschaftliche Ordnungen und kollektive  Selbstverständlich-keiten, die über Jahrhunderte gewachsen sind. 

Um nur zwei Beispiele zu geben:

Das deutsche Wort Mensch geht auf eine Wurzel zurück, die mit Bewusstsein, Denken und Erinnern verbunden ist — und doch wurde das Allgemein-Menschliche im sprachlichen Empfinden zunehmend männlich gelesen. Im Französischen zeigt sich diese Spannung noch deutlicher: l’homme bezeichnet sowohl den Mann als auch den Menschen an sich. Das Männliche wird so unbewusst und implizit zum Allgemeinen, zum Maßstab, zum Universellen – zum Referenzpunkt der Norm.

Gleichzeitig finden sich auf weiblicher Seite andere sprachliche Entwicklungen. Das Mädchen ist grammatikalisch ein Neutrum, entstanden aus einer Verkleinerungsform. Auch hier hat sich unbewusst das Weibliche und die Weiblichkeit sprachlich als das Kleinere, das Noch-nicht-Ganz, das Besondere in unserem Denken und Wahrnehmen eingebürgert. Es prägte über Generationen nicht nur das Bild des Kollektivs in Bezug auf das Weibliche, sondern auch das Bild, das ein Mädchen von sich entwickelte.

Für dich: 


Verbinde dich kurz mit dem Wort „Mädchen“. 


  • Welche Assoziationen, 
  • welche Bilder, 
  • welche Gefühle kommen dann in dir hoch?

Sprache hat über Jahrhunderte Geschichten mitgetragen, die Frauen über sich selbst verinnerlicht haben, die Mütter an ihre Töchter und Väter an ihre Söhne weitergegeben haben — Geschichten von Verniedlichung, von Kindsein, von Neutrum und die ihren unangefochtenen Platz im kollektiven Bewusstsein und Denken eingenommen haben.

 

Und ganz selbstverständlich haben diese Worte Auswirkungen auf die Identitätsfindung, auch dieses verniedlichende, neutrale Wort „Mädchen“, das schon seit Beginn der Geburt (und auch schon vorher) über die Kraft und die Identifikation der Frau bestimmt. Übrigens wird dieses Mädchen sehr oft erst wirklich „weiblich“, wird sie oft erst zur Frau, wenn sie ein Kind zur Welt gebracht hat, wenn sie Mutter wurde.

 

 

Das soziale Narrativ


Diese sprachlichen Bilder, die so weitergeben wurden, die den Behälter der Wörter füllten, haben dazu geführt, dass Frauen vor langer Zeit schon die Fähigkeit, ihr Leben selbstbestimmt zu leben, aberkannt wurde.

 

Frauen waren zwar ein notwendiger Teil der Gesellschaft, aber nur selten befähigt, an der Gestaltung teilzunehmen:

  • erst in den letzten 100 Jahren haben verschiedene Gemeinschaften damit begonnen, Frauen den Gang zur Wahlurne zu erlauben, d.h. eine politische Meinung zu haben und aktiv an der Gesellschaftsform mitzuwirken (Finnland in 1906; Deutschland in 1918; Niederlande in 1919; Frankreich in 1944, Italien in 1945, Belgien in 1948).

 
 

  • idem in Bezug zur beruflichen Entfaltung der Frau: es ist noch nicht so lange her, dass die Frau die Erlaubnis des Ehemannes brauchte, um einen Beruf auszuüben, d.h. für ihr eigenes Wohlergehen zu sorgen und die Gesellschaft direkt mitzuprägen. (Belgien und Niederlande in 1958, Frankreich in 1965, in der Schweiz erst 1988 - Reform des Ehe- und Familienrechts; erst dann wurden Mann und Frau rechtlich gleichgestellt und die Zustimmungspflicht des Ehemannes abgeschafft). 

    Spannend ist hier zu beobachten, dass in vielen Ländern die Frauen zwar ihre politische Mitbestimmung äußern konnten, aber nicht ihre gelebte Selbstbestimmung. Diese politische Selbstbestimmung war in vielen Familien allerdings nur „Schein“, denn den Frauen wurde oft gesagt, was sie denn zu wählen hätten. 

    In Deutschland trat 1958 das Gleichberechtigungsgesetz in Kraft und beseitigte viele rechtliche Beschränkungen. Dennoch durfte der Mann bis 1977 bestimmen, ob die Erwerbstätigkeit seiner Frau mit ihren "Pflichten in Ehe und Familie" vereinbar sei.

 

  • Die Möglichkeit, eigenständig ein Konto zu eröffnen, war ein weiterer Schritt hin zu wirtschaftlicher Selbstbestimmung und persönlicher Handlungsfreiheit. Diese Möglichkeit hing sehr oft mit der Entwicklung eigenständig einen Beruf auszuüben, zusammen.

 

  • Erst im 16. bzw. 17. Jahrhundert durften Frauen am Theater oder an der Oper auftreten. Bis dahin wurden die weiblichen Rollen oft durch junge Männer bzw. Kastraten übernommen.



Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war in vielen europäischen Rechtssystemen die verheiratete Frau nicht als vollständig eigenständiges Rechtssubjekt gedacht. Der Mann galt als "Familienoberhaupt". 

Daraus ergab sich ein ganzes Bündel von Befugnissen:

  • Entscheidung über den Wohnort 
  • Verwaltung des Familienvermögens 
  • Zustimmung zu Arbeitsverträgen 
  • Zustimmung zu Bankgeschäften 
  • Vertretung der Familie nach außen

Für dich: 

Atme einige Male tief ein und aus, lege eine Hand auf dein Herz: 
Was berühren diese Worte in dir?

Das soziale Narrativ drängte die selbstmächtige Frau aus der Gesellschaft, ermöglichte ihr erst gar nicht, diese Frau zu werden. Der Spagat der gelebten und gefühlten Wahrheit der Frau mit der gelebten Realität war nicht zu überwinden. Ein Verstummen, ein Schweigen, ein Gefühl des Entwurzeltseins, des „Nicht-richtig-seins“ waren die unweigerlichen Folgen im Erleben der Frau.

 

Bis dahin wurde den Frauen zwar zuerkannt, für den Fortbestand der Gesellschaft zu sorgen, allerdings in einer Form, die ihnen weiterhin keine Rechte zuerkannte.
Unweigerlich muss ich dabei an den Roman und die Verfilmung von The Handmaid's Tale denken. Natürlich ist die dort gezeichnete Welt eine dystopische Zuspitzung. Dennoch erinnert sie daran, wie schnell Frauen auf ihre gesellschaftliche Funktion reduziert werden können, wenn ihnen Mitsprache und Selbstbestimmung entzogen werden.

Frauen waren sichtbar und unverzichtbar für das Funktionieren der Gesellschaft. Das wurde ihnen zuerkannt. Als eigenständige Rechtssubjekte jedoch blieben sie über lange Zeit weitgehend unsichtbar.

 

Auch wenn das soziale Narrativ sich in den letzten Jahren erheblich gewandelt hat, sind die Folgen davon noch immer zu erkennen. 

 

Noch heute wird eine Frau, die sich aus diesem Rahmen heraus bewegt, schnell als hysterisch, als „nicht normal“, als unverantwortlich abgestempelt.

 

 

Das geschichtliche Narrativ


Schon im Alten Testament und in den Erzählungen, die sich später darum rankten, finden sich Bilder, die das Vergessen der Frau mitgeprägt haben.

In späteren jüdischen Überlieferungen erscheint Lilith als die Frau, die sich Adam nicht unterordnen wollte. Oft wird sie als seine erste Frau beschrieben.

Ob sie tatsächlich die erste Frau Adams war, spielt für mich dabei keine Rolle. Viel wichtiger ist die Frage, was diese Figur verkörpert.

Lilith steht für eine Frau, die sich selbst genügt und sich nicht fügt. Eine Frau, die ihren eigenen Willen kennt und ihren eigenen Weg geht. Und genau deshalb scheint sie in vielen Überlieferungen keinen Platz mehr im Paradies zu haben.

Sie verlässt es freiwillig. Aus der selbstbestimmten Frau wird jedoch nicht eine Heldin, sondern eine Bedrohung. In manchen Erzählungen wird sie sogar als Kindsmörderin dargestellt – als eine Gestalt, die sich gegen das Leben selbst richtet.

Die Botschaft dahinter ist bemerkenswert: Die Frau, die sich nicht unterordnet, wird nicht einfach ausgeschlossen. Sie wird dämonisiert.

 

Eva, die allgemein bekannte Frau von Adam und testamentarische Urmutter der Menschheit, wird aus der Rippe Adams erschaffen. Nicht nur, dass sie aus einem Teil des Mannes geboren wird, nein auch der Schöpfungsakt wird auf einmal männlich. Wichtig ist hier, dass diese Entstehungsgeschichte jahrhundertelang Gültigkeit besaß und das Bild der Frau mitbestimmte. Viele theologische Ansätze haben diese Entstehungsgeschichte genutzt, um eine Hierarchie zwischen Mann und Frau zu begründen.

Welche Wirkung hatten wohl diese Worte und diese Sprache auf das Bewusstsein der Frau? Wie viele Frauen finden es noch heute selbstverständlich dem Manne zu dienen? Wie viele Frauen bewegen sich auch heute noch in einer Unterwürfigkeit?

 

Diese Unterwürfigkeit wurde durch die Ursünde, die Eva in die Welt brachte, verstärkt. Sie die Verführerin! Sie, die sich nach der Weisheit sehnt! Durch sie wurden die Menschen aus dem Paradies geworfen!

 

Das Bild der schuldigen Frau war geboren und wurde durch viele Dogmen und Theorien weiter in die Welt gebracht. Auch in das Bewusstsein und Unterbewusstsein der Frauen, die sich so oft als schuldig leben, nicht wissend wieso. Noch heute ist es so, dass Frauen sich entschuldigen.

Sie entschuldigen sich für Bedürfnisse, für Grenzen, für Wut, für Erfolg, für Sichtbarkeit, für ihren Platz...

 

Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Schuldige und Schlechte der Frau weitergefördert und fand einen Höhepunkt in der Hexenverbrennung. In den Hexenverfolgungen erreichte die Angst vor weiblicher Eigenmacht und weiblichem Wissen einen ihrer sichtbarsten Höhepunkte. Diese Epoche ist eine bedeutende Zeit in der Unterdrückung der weiblichen Kraft und Magie. Die Weisheit der Frauen und die Verbundenheit der Frauen mit den Kräften der Natur wurde als Gefahr eingestuft. Viele Frauen landeten auf den Scheiterhaufen und die Überlebenden verschlossen ihr Wissen und ihre Weisheit noch weiter hinter die Mauern des Schweigens – ins Vergessen.

 

Dies ist nur eine sehr oberflächliche Interpretation der Geschichte, aber wenn du dich öffnest, spürst du auch heute noch den tiefen Impakt dieser Absurdität auf das Leben der Frauen. Als diejenigen, die das Leben hier auf dieser Erde weitergeben konnten, mussten sie sich ducken und kleinhalten. Ein größeres Paradox kann es nicht geben.

Hier begann das große Schweigen, das tiefe Wissen musste jenseits des bewussten Seins verschlossen werden, denn sein Besitz, der normalerweise das Leben bedeutet, konnte auf einem den Tod bringen.

Für dich: 


Bevor du weiterliest,
erlaube dir einen Moment innezuhalten:

Wo spürst du diese „Schuld“ in dir am stärksten?
Ist es wirklich deine?

Das psychologische Narrativ


Aus diesen verschiedenen Bewegungen hat sich im Laufe der Jahrhunderte ein psychologisches Narrativ entwickelt, das sich durch die persönliche Entwicklung einer jeden Frau zieht.

 

Wer kennt nicht einen oder mehrere dieser Züge in sich selbst?


•  Diese Selbstzweifel, das permanente innere Prüfen, immer wieder die eigene Wahrnehmung infrage stellen, sich selbst nicht glauben und diese so starke innere Zensur.

 

•  Oder dieses permanente Gefühl „zu viel“ zu sein und sich selbst zurücknehmen, bevor jemand anderes es tut und parallel dazu, diese Angst „nicht genug“ zu sein. Was für ein Spagat, beide Extreme in sich zu halten! Ooohhhh, und erst sichtbar werden. So eine extreme Anstrengung, so eine extreme Angst.

 

•  Dann diese chronische Anpassung und das überaus brave Funktionieren. Und langsam, allmählich gleitet frau in einen Funktionsmodus, den sie auf Dauer mit dem wahrhaftigen Lebensmodus, dem lebendigen Leben verwechselt.

 

•  Die Erschöpfung durch permanentes Kontrollieren. Es geschieht eine Überanpassung. Ein extremes Bedürfnis nach Harmonie und das Nervensystem ist in dauerhaftem Alarmzustand. Die Regulation ist nicht mehr möglich. Auch hier sind sich viele Frauen nicht mehr bewusst, wie sehr sie ihr Nervensystem überanstrengen und sind verwundert, wenn sie sich in einem Burn-out oder einer extremen Erschöpfung befinden.

 

•  Ein wichtiger Aspekt, den viele Frauen gar nicht mehr so sehr wahrnehmen, ist die Entfremdung vom eigenen Körperwissen, die Abtrennung von der Intuition. Die eigenen Bedürfnisse werden gar nicht mehr wahrgenommen, die eigenen Grenzen nicht respektiert.

 

•  emotionale Selbstzensur – sich immer wieder zurechtweisen, sich immer wieder in diesen Gefilden von Schuld und Scham bewegen. Anteile werden abgeschnitten. Es geschieht eine innere Fragmentierung, so dass ein Gefühl von Leere, diffuser Traurigkeit, unerklärlicher Sehnsucht entsteht.

 

•  Sich selbst ablehnen, sich selbst nicht „lieben“ können – da ist die Angst vor Ablehnung, vor Ausschluss, vor Liebesentzug umso größer und allgegenwärtiger. People Pleasing, inneres Kleinmachen, Verniedlichung oder Verleugnung der eigenen Kraft sind die Folge. 

 

Letztendlich sind die Frauen dadurch von ihrer inneren Weisheit abgeschnitten. Irgendwann geschieht etwas noch Tieferes. Die Frau verliert nicht nur den Kontakt zu ihren Bedürfnissen. Sie verliert langsam das Vertrauen in ihre eigene innere Führung. Angst vor ihrer eigenen Wahrheit, Angst vor ihrer natürlichen Größe, Schönheit und Sichtbarkeit. Sie verliert ihren Ausdruck, sie verschanzt sich im Schweigen hinter ihrer Stimme. Sie duckt sich, wird leise, lässt ihre innere Autorität los.

 

So entwickeln sie sich zu der „guten“ Frau, der „selbstlosen“ Frau, der ach so „fürsorglichen“ Frau, die ihre rohe Wildheit, ihre innere Kraft und ihren wahrhaftigen Ausdruck verloren hat.

 

Dieses subtile Schweigen – dieses große Vergessen. 

Zuerst im Außen und um es zu festigen, auch im Innern. Ein Schweigen und ein Vergessen, die von Mutter zu Tochter weitergegeben wurden, da es überlebensnotwendig war. Im Laufe der Jahre etablierte sich dies als Wahrheit.


Dieses Schweigen errichtet als ein Schutz, 
jetzt ein Hindernis im Leben.


Ein Schutz, der einen hohen Pries forderte: eine immer tiefere und größere Abtrennung von der eigenen Wahrnehmung, von dem eigenen Gefühl, von der eigenen Wahrheit. 

Innerlich breitete sich ein Ödland aus – ein Raum des Verstummens, der Leere, des Nicht-Existierens. 

Aber nicht nur das. Dieses Schweigen geht einher mit einem enormen Akt der Selbsttäuschung – als Frau muss ich mich selbst davon überzeugen, dass das Gespürte und Wahrgenommene, dass das, was tief in mir vibriert, nicht wahr ist. Es hat keine Daseinsberechtigung. Wenn ich es doch spüre, dann stimmt etwas nicht mit mir. 

So formt sich ein ewiger Kreislauf der Selbstprüfung und Selbstkastrierung. 

Was für ein Kraftakt, sich selbst nicht vertrauen zu können und die eigene Wahrnehmung immer wieder den äußeren Begebenheiten anpassen zu müssen! 
Wie viele Frauen zweifeln nicht an sich! 
Wie viele Frauen sind einfach erschöpft! 
Wie viele Frauen fühlen sich leer! 
Wie viele Frauen fühlen sich dadurch falsch und krank! 

Nur, weil sie ihrer eigenen Wahrnehmung, ihrem eigenen Körperwissen, ihrer eigenen Weisheit und Wahrheit nicht folgen dürfen.

Für dich: 


Hier braucht es ein großes Ausatmen! 
 
Erlaube dir, zu atmen – einatmen und ausatmen.

Frauen haben nicht nur gelernt zu schweigen.
Sie haben gelernt zu vergessen.
Sie haben gelernt, 
sich selbst nicht mehr vollständig wahrzunehmen.

 

Die Ahnung eines Rückwegs 

Mittlerweile beginnen Frauen sich wieder zu erinnern. Sie beginnen wieder, ihrer eigenen Stimme Raum zu geben.

Mehr und mehr Frauen haben sich auf den Weg gemacht, ihrer Wahrnehmung wieder zu vertrauen, indem sie ihren Körpertempel wieder bewohnen, ihr zyklisches Sein wieder entdecken, ihren Körpererfahrungen wieder vertrauen.

 

Mehr und mehr Frauen stehen auf und sagen „Ich lasse mich nicht mehr klein machen“. Auch wenn in dieser Aussage wie eine kleine Anklage mitschwingt, so spüren diese Frauen, dass sie die Verantwortung wieder in ihre eigenen Hände nehmen müssen.

Ihre Sein wird nicht mehr durch die äußeren Bedingungen gestaltet, sondern fließt natürlich aus ihrem eigenen Fühlen, ihrer eigenen Wahrnehmung – ohne permanente Überforderung und Anspannung ihres Nervensystems. Ihr Sein wird nicht mehr von den Stimmen im Außen bestimmt, sondern von der Stimme, die lange hinter dem Schweigen verborgen lag.

 

Die Rückkehr der Balance, nach der sich so viele Menschen sehnen, beginnt 

dort, wo Frauen sich erinnern.

 

Dort, wo sie ihrer Wahrnehmung wieder vertrauen.
Dort, wo sie ihre Stimme hinter dem Schweigen wieder hören.
Dort, wo sie aufhören zu vergessen, wer sie sind.

 

Angelika Michels
Mai 2026



In einem folgenden Artikel werde ich auf die Möglichkeiten der Rückkehr in die eigene Sprache näher eingehen.
 

Wenn dich diese Gedanken berühren und du die nächsten Impulse begleiten möchtest, dann lade ich dich herzlichst ein, dich mit mir zu verbinden.  

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