Welches Leben spricht durch mich? 

 Die Rückkehr zur eigenen Sprache 

Nicht als Technik. Sondern als Nach-Hause-Kommen. 

Wir denken in Sprache.
Wir erinnern in Sprache.
Wir lieben in Sprache.
Wir verletzen in Sprache.

 

Das Sein der Frau wird nicht mehr durch die äußeren Bedingungen gestaltet, sondern fließt natürlich aus ihrem eigenen Fühlen, ihrer eigenen Wahrnehmung – ohne permanente Überforderung und Anspannung ihres Nervensystems. 

Ihr Sein wird nicht mehr von den Stimmen im Außen bestimmt, sondern von der Stimme, die lange hinter dem Schweigen verborgen lag. 

Und diese Stimme ist mehr als nur Worte.
Es ist dieser Raum, wo sie ihrer Wahrnehmung wieder vertrauen kann.
Dort, wo sie ihre Stimme hinter dem Schweigen wieder hören.
Dort, wo sie aufhören zu vergessen, wer sie sind. 


Und darauf möchte ich in diesem Artikel näher eingehen.

1. Die eigene Sprache ist nicht nur ein Wortschatz 

Viele glauben, ihre Sprache wiederzufinden bedeute: die richtigen Worte finden oder genau diese eigenen Worte zu haben, die im Außen gerne gehört werden.

Es geht sich nicht darum, präziser zu formulieren, sich klarer auszudrücken, mutiger zu sagen, was man denkt (auch wenn letzteres nicht zu unterschätzen ist). 

Wenn wir auf die Etymologie des Wortes „Sprache“ schauen, wird es sehr interessant. 


Das Wort Sprache geht auf das althochdeutsche sprācha zurück und ist mit dem Verb sprechen verwandt. Seine ältesten Wurzeln weisen auf Bedeutungen wie hervorbrechen, sich hörbar machen und zum Ausdruck bringen hin. Sprache war ursprünglich also weniger ein Mittel zur Informationsübertragung als vielmehr die Art und Weise, wie etwas Inneres sichtbar und hörbar wird. 

Somit ist die eigene Sprache weit mehr als ein Wort. Sie ist das Sichtbarwerden dessen, was in uns lebt. Sie zeigt sich in unseren Worten, in unseren Entscheidungen, in dem, was wir erschaffen, in dem, was wir lieben, und manchmal auch in dem, was wir nicht länger bereit sind, hinzunehmen. Für die einen ist es über die Worte, für die anderen womöglich der eigene Garten und für das Kleinkind das Schreien oder auch eine Form der körperlichen Agitation oder Verschlossenheit. 

Und es scheint mir fast unausweichlich, dass wir dieser inneren Sprache nur ganz wenig individuellen Raum geben können. Haben wir doch in den letzten Jahrhunderten immer wieder verinnerlicht: Sei nicht zu viel. Sei nicht zu laut. Sei verständlich — für andere. 

Die eigene Sprache wohnt nicht nur in unseren Gedanken. Sie lebt im Körper. Im Atem. In der Weite oder Enge unserer Brust. In dem, was sich stimmig anfühlt und in dem, was uns zusammenzieht. Der Körper erinnert sich oft lange bevor der Verstand versteht. 

 

Viele von uns haben Angst, diesen Innenraum zu bewohnen, viele haben ihn irgendwo vergessen. Und das ist sehr verständlich. Es braucht Mut, Stille und gegenseitiges Halten und Bezeugen, langsam wieder Kontakt mit diesem Raum herzustellen. 

2. Die Rückkehr geschieht oft über das Verstummen 

Dieser Gedanke mag zunächst paradox klingen, und doch … 

Vielleicht ist das der Grund, weshalb Stille für viele Menschen zunächst nicht friedlich wirkt. Sobald die Stimmen im Außen leiser werden, begegnen wir dem Raum, den wir so lange gemieden haben. Einem Raum voller Erinnerungen, Gefühle, Sehnsüchte und Wahrheiten. Und doch ist es genau dort, wo die eigene Sprache wieder hörbar wird – jene Sprache, die so tief in unserer Sehnsucht wurzelt und uns unablässig nach Hause ruft. 

 

Vielleicht finden wir unsere eigene Sprache nicht durch mehr Reden, sondern durch den Mut uns in dieses Schweigen zu bergen. 

Vielleicht begegnen wir ihr hinter diesen Momenten der Stille, hinter dem allumfassenden Schweigen – wenn wir denn bereit sind, in die Stille hinein zu lauschen.

Ich lebe das gerade selbst. Diese Momente, wo der Lärm im Außen mich so müde, aber vor allen Dingen so sinnlos macht. Und erst in der Stille, da wo nichts erwartet oder verlangt wird, treffe ich sie wieder, diese Worte, die durch mich fließen möchten. Noch zaghaft, noch weich und verletzlich.

 

Es ist, als wäre die alte Sprache bereits zu eng geworden — ein Kleid, aus dem man herausgewachsen ist, ohne es noch bemerkt zu haben. Und die neue ist noch nicht ganz geboren.
 
Manchmal erinnert mich dieser Zustand an eine Schwangerschaft -man trägt etwas in sich, kennt es aber noch nicht. Es fühlt sich so lebendig, so kraftvoll, so schön an – obwohl man es noch nie gesehen oder in Händen gehalten hat. 

Es ist dieser Zwischenraum, dem man sich voller Vertrauen hingibt, wissend mit all den Poren des Körpers, dass etwas Neues gerade hier entsteht. 

 

3. Die eigene Sprache klingt selten spektakulär 

Wir leben in einer Zeit, die das Außergewöhnliche feiert. Das Schnelle. Das Große. Das Sichtbare. Immer höher. Immer weiter. Immer mehr. Gleichzeitig lernen viele Frauen von klein auf, nicht zu viel zu sein. Nicht zu laut. Nicht zu unbequem. Nicht zu sichtbar. Zwischen diesen widersprüchlichen Botschaften wächst die Sehnsucht nach dem einen großen Moment, der endlich alles verändern soll. 

Aber womöglich klingt die eigene Sprache manchmal überraschend einfach und schlicht, nicht spektakulär, dafür aber klar. 

Ein klares Nein, das keine Begründung braucht. 

Ein ehrliches Ja, das nicht gefällig ist. 

Ein "Ich weiß es nicht" — gesagt ohne Scham. 

Ein "Das möchte ich nicht mehr" — ohne es weichzuspülen. 


Das klingt einfach. Und es ist es nicht. 


Weil solche Sätze nicht nur persönliche Gewohnheiten durchbrechen. Sie stellen oft jahrzehntelange Anpassung in Frage. Manchmal sogar Wertvorstellungen und unausgesprochene Regeln, die über Generationen weitergegeben wurden. 

Wahrheit braucht oft weniger Worte als Anpassung, dafür aber mehr Mut. 

Und manchmal ist die eigene Sprache genau der Spiegel dieses Mutes. Und manchmal ist die eigene Sprache nichts anderes als die Gestalt dieses Mutes. 

 

4. Die Natur kennt ihre Sprache 

Die Rose versucht nicht, wie ein Lavendel zu blühen. 

Der Fluss versucht nicht, wie ein Baum zu wachsen. 

Alles in der Natur folgt seiner eigenen Sprache. Ohne Entschuldigung. Ohne Erklärung. Ohne den Versuch, etwas anderes zu sein. 

Nur der Mensch hat gelernt, sich von dieser Sprache zu entfernen. Der Mensch hat versucht, die Natur zu bezwingen. Genauso hat er versucht, sich selbst immer wieder zu bezwingen und zu optimieren. 

Und Frauen haben es — durch Jahrhunderte der Unterdrückung, der Rollenzuschreibungen, des erzwungenen Schweigens — besonders gründlich gelernt. Sie mussten lernen, sich in einer linearen Welt zu bewegen, die ihrer zyklischen Natur oft wenig Raum ließ. 

Wenn wir noch tiefer der Sprache der Natur folgen, dann erkennen wir, dass diese zyklisch verläuft: der Winter, der fast sprachlos ist – komplett in sich zurückgezogen und erst mit dem Erwachen des Frühlings seine Worte zurückfindet, um sie dann im Hochsommer – bevor das Innehalten wieder beginnt – zur schönsten Poesie erwachen lässt. 

Dieses zyklische Sein dürfen wir wieder erinnern. Es drückt sich nicht nur in unserem Dasein aus, sondern auch in dem, was unsere Wahrheit ist: das Verbundensein mit den Zyklen der Natur: der Jahreszeiten, der Mondphasen, der Tages- und Nachtrhythmen. 

Rückkehr zur eigenen Sprache bedeutet dann nicht, etwas Neues zu lernen. 

Es bedeutet aufzuhören, etwas anderes sein zu wollen. 
Es bedeutet aufzuhören, gegen den eigenen Rhythmus zu leben.
Es bedeutet, sich zu erinnern — 

an das, was immer schon da war.
 
Hinter den Anpassungen. Hinter den Schleiern. Hinter dem, was erwartet wurde. 

 

5. Die eigene Sprache will gelebt werden 

Vielleicht spürst du die Öffnung, dich sich in dir zeigt. Vielleicht fühlst du, dass Sprache nicht nur das ist, was wir sprechen. 

Sprache ist viel mehr als das. 

Sie drückt sich in unseren Entscheidungen aus — vor allem in den kleinen, alltäglichen, die niemand sieht. 

Durch die Grenzen, die wir setzen oder nicht setzen. 

Durch die Beziehungen, die wir wählen oder verlassen. 

Durch die Arbeit, die uns wirklich trägt — oder die uns langsam aushöhlt. 

Durch unsere Präsenz: ob wir wirklich im Raum sind, oder ob wir wieder nur funktionieren. 

Die eigentliche Frage lautet vielleicht nicht: 

"Welche Worte sind meine?" 

Sondern: 

"Welches Leben spricht durch mich?" 

 

Wenn eine Frau beginnt, diese Frage zu stellen — ernsthaft, ohne schnelle Antwort — 

dann ist sie bereits auf dem Weg. 

Nicht zurück zu etwas Vergangenem. 

Sondern heimwärts. Zu sich selbst. 

 

Dieser Weg ist kein Kurs. Er ist keine Technik. Er ist keine Leistung. 

Er ist auch kein Ponyhof und kein Zuckerschlecken. 

Er ist eine Erinnerung an das, was hinter all dem Schweigen, den Schleiern und dem Vergessen wartet. 

Und diese Erinnerung — in einer Frau, dann in zwei, dann in vielen — ist das Leiseste und Wirksamste, was eine Gesellschaft verändern kann. 

Angelika Michels
Juni 2026

 

Wenn dich diese Gedanken berühren und du die nächsten Impulse begleiten möchtest, dann lade ich dich herzlichst ein, dich mit mir zu verbinden.