Zur Sommersonnwende
Wenn das Licht sich an seinen Ursprung erinnert
1. Die bekannte Geschichte
Ich möchte da etwas weiter ausholen.
Jedes Jahr zur Wintersonnwende feiern wir die Rückkehr des Lichtes. Manche sagen auch, dass das Licht neu geboren wird.
Nicht ohne Grund feiert die katholische Kirche drei Tage später Weihnachten - die Geburt Jesu – die Geburt ihres Lichts. Genau dann, wenn die Sonne ihren Lauf wieder aufnimmt.
Nach der Wintersonnwende schien der Sonnenaufgangspunkt am Horizont für einige Tage nahezu unverändert zu bleiben, bevor eine erneute Bewegung mit bloßem Auge wahrnehmbar wurde. Es wirkte, als würde die Sonne für einen kurzen Moment innehalten, um anschließend ihren Weg zurück ins Licht fortzusetzen.
Für unsere Vorfahren war dies ein bedeutendes Fest, denn mitten in der dunkelsten Zeit des Jahres keimte die Hoffnung auf, dass die Tage wieder länger werden. Dass schon bald das Leben außerhalb der dunklen Hütten und Grotten wieder nach außen verlagert werden kann. Ein Fest der Hoffnung also. Ein Fest des Vertrauens in die Rückkehr des Lebens.
Die Sommersonnwende hingegen wird meist als Fest des Lichtes gefeiert. Die Sonne steht hoch am Himmel. Die Natur zeigt sich in ihrer ganzen Kraft. Alles scheint zu blühen, zu wachsen und zu gedeihen. Vielerorts ist die Arbeit des Säens und Pflanzens getan. Die Erde hatte die Arbeit übernommen. Der Mensch durfte innehalten – feiern, tanzen, auf Jahrmärkten zusammenkommen – bevor die Ernte ihn wieder in die Pflicht nehmen würde.
Die Fülle, der natürliche Reichtum werden gefeiert. Ein Fest der Fülle also. Ein Fest des Vertrauens, dass die Erde auch in diesem Jahr genügend hervorbringen wird, um Mensch und Tier durch die kommende dunkle Jahreszeit zu tragen.
Ich habe diesen Bezug zur Wintersonnwende hergestellt, um darauf hinzuweisen, dass eigentlich Winter- und Sommersonnwende Geschwister sind – keine Gegenpole.
Die eine feiert die Hoffnung auf das kommende Leben.
Die andere das Vertrauen in die bereits sichtbare Fülle.
Beides sind keine Gewissheiten, sondern Akte des Vertrauens in einen größeren Rhythmus des Lebens.
Und womöglich verbirgt sich hinter dem Fest der Sommersonnwende noch eine weitere Geschichte.
Eine größere Geschichte.
Eine Geschichte über das Vertrauen in den ewigen Zyklus des Lebens.
2. Der Wendepunkt im Höhepunkt
Die Sommersonnwende ist der längste Tag des Jahres. Sie erinnert uns an unsere eigene Fülle, an unsere eigenen Kräfte und Stärken.
Es ist die Zeit der roten Beeren, der süßen Früchte, die die Natur uns schenkt. So wie die Sonne stehen wir für dieses Lebensjahr energetisch in unserem Höhepunkt.
Gleichzeitig aber erinnert uns die Sommersonnwende auch an die Wende, die stattfinden wird.
Und genau darin liegt ihr Geheimnis.
Denn in dem Moment, in dem das Licht seinen Höhepunkt erreicht, beginnt ...
... erst einmal: nichts weiter.
Nur dieser Moment. Dieser Scheitelpunkt. Dieses kurze Innehalten der Sonne – dasselbe, dass unsere Vorfahren schon an der Wintersonnenwende kannten.
Die Sonne steht. Und wir dürfen es auch.
Dann erst, ganz langsam, beginnt die Wende. Nicht als Verlust. Nicht als Ende. Sondern als Einladung: auch wir wenden uns.
Auf diesem Weg werden wir ernten, was wir im ersten Halbjahr gesät haben. So wie die Natur uns ihre Früchte schenkt, dürfen wir auch bei uns ernten, was wir mit in die dunkle Jahreszeit tragen möchten.
So erinnert uns die Natur, dass alles wie ein Rad sich immer wieder dreht:
Nach dem Wachstum kommt die Ernte.
Nach der Ernte kommt das Loslassen.
Nach dem Loslassen kommt die Stille.
Nach der Stille entspringt das neue Leben.
Und so dreht das ewige Rad sich immer weiter.
Und dieses Rad – wo dreht es sich eigentlich?
Nicht im Licht.
Das Licht kommt und geht.
Es dreht sich in der Dunkelheit.
Im endlosen Raum des Seins.
3. Die Dunkelheit war nie weg
Oft sprechen wir von der Geburt des Lichtes.
Doch was bedeutet das eigentlich?
Wenn das Licht geboren wird, woher kommt es?
Wenn das Licht zurückkehrt – wohin war es gegangen?
Und wenn die Dunkelheit zurückkehrt – war sie jemals wirklich fort?
Viele alte spirituelle Traditionen betrachten die Dunkelheit nicht als Gegenspielerin des Lichtes, sondern als ihren Ursprung.
Die dunkle Erde birgt den Samen.
Der nächtliche Himmel trägt die Sterne.
Der Schoß der Mutter schenkt neues Leben.
Alles Wesentliche beginnt im Verborgenen.
So hat die Aussage, dass das Licht das Gegenstück der Dunkelheit ist, wenig Sinn. Diese Vorstellung greift zu kurz.
Eher passt daher die Aussage, dass die Dunkelheit der Ursprung, die Mutter des Lichtes ist, viel eher zu.
Das Dunkle, dieses Unergründliche, dieser Raum, aus dem das Leben hervorgeht, wird in vielen Traditionen mit dem Weiblichen verbunden.
Mit der großen Mutter.
Mit der Erde.
Mit dem Ursprung.
Mit jenem schöpferischen Raum, aus dem alles Leben geboren wird und in den alles Leben irgendwann zurückkehrt.
Zur Wintersonnwende gebiert der dunkle Urgrund das Licht.
Mitten in der dunkelsten Zeit des Jahres tritt es hervor.
Doch was geschieht zur Sommersonnwende?
Dann, wenn das Licht seinen höchsten Stand erreicht hat?
Dann, wenn die Sonne in ihrer ganzen Kraft am Himmel steht?
Was erzählt uns dieser Wendepunkt wirklich?
4. Der Lauf des Lichtes
Das Wort „Wende“ erzeugt den Eindruck, dass etwas seine Richtung ändert.
Dass etwas umkehrt.
Dass etwas Neues beginnt.
Doch was wäre, wenn es gar keine Wende gibt?
Was wäre, wenn die Sonne nichts anderes tut, als ihren ewigen Tanz fortzusetzen?
Was wäre, wenn die Sommersonnwende nicht von einem Richtungswechsel erzählt, sondern von einer weiteren Drehung des Rades?
Das Rad kennt keinen Anfang und kein Ende.
Es dreht sich unaufhörlich.
Es ist der natürliche Rhythmus des Lebens.
Dann erzählt die Sommersonnwende nicht die Geschichte eines Triumphes – eines Triumphes des Lichts, sondern die Geschichte der natürlichen Entfaltung, so wie wir sie auf vielen Ebenen finden.
Es ist der Mittag des Tages.
Es ist die Kraft des Vollmondes.
Es ist das menschliche Leben in der Mitte seines Laufes.
Der Augenblick, in dem etwas seine volle Ausdehnung erreicht.
Mit dieser Drehung des Rades beginnt zugleich die Rückkehr,
die Rückkehr zum Ursprung.
Wie ein Fluss, der zum Meer zurückkehrt.
Wie ein Atemzug, der ausgeatmet wird.
Wie ein Samen, der wieder in die Erde sinkt.
Die Sommersonnwende und die Zeit rund um diesen Moment werden gefeiert. Die pralle Kraft des Lebens, seine Fülle, der Genuss, die Sinnlichkeit gefeiert. Und gleichzeitig beginnt der Moment des Ausatmens, der Moment nach innen, die Rückkehr zum Ursprung.
So wie wir zur Wintersonnwende die Geburt des Lichtes feiern, so dürfen wir zur Sommersonnwende die Rückkehr des Lichtes in den Schoß der Dunkelheit feiern.
Erst wenn wir der Dunkelheit den gleichen Wert zugestehen wie dem Licht, erschaffen wir eine Welt der Balance.
Was aber geschieht mit einer Kultur, die die Dunkelheit fürchtet und so den Ursprung des Lebens abwertet?
5. Die Angst vor der Dunkelheit
Eine Gesellschaft, die die Dunkelheit fürchtet, hält den Atem an. Sie atmet nicht aus. Sie bleibt im Einatmen stecken – im Wachstum, in der Expansion, im Licht – und merkt nicht, dass sie dabei erstickt.
Und wir leben in einer Gesellschaft, die das Einatmen, das Ausdehnen und das Mehr weitaus mehr würdigen als das Ausatmen, das Loslassen und das Weniger.
In einer Zeit, die Wachstum feiert, wird Stillstand misstrauisch beäugt. Rückzug wirkt oft wie ein Scheitern.
In einer Gesellschaft, die das Licht so sehr feiert, ist wenig Platz für die Dunkelheit.
Ob diese Bewegung dazu geführt hat, dass die weibliche Kraft weniger gewürdigt wird oder ob es die Angst vor der weiblichen Kraft ist, die die Dunkelheit verpönt, lasse ich jetzt offen hier stehen. Letztendlich spielt es keine Rolle, ob das Ei vor dem Huhn da war oder andersherum.
Es ist eine Tatsache, dass die Dunkelheit – der Urgrund allen Seins – mit Verlust und Gefahr verbunden wird. Dass die lebensspendende Kraft mit Gefahr verbunden wird.
Wenn wir ehrlich hinschauen, dann begegnet uns diese Abwertung überall.
Der dunkle Wald.
Die dunkle Seite.
Die Mächte der Finsternis.
Die dunkle Nacht der Seele.
Das Böse lauert im Dunkeln.
Das Gute erscheint im Licht.
Diese Bilder sind tief in unserer Sprache, unseren Geschichten und unserem kollektiven Bewusstsein verankert. Über Jahrhunderte hat sich eine Tendenz entwickelt, Licht mit Gut und Dunkelheit mit Bedrohung zu verbinden.
Wenn wir jetzt diesen Gedanken weiterführen, berührt er auch das Weibliche, die das Leben in ihrem dunklen Schoß erschafft -in jenem dunklen, verborgenen Raum. Und wir spüren vielleicht, was das bedeutet. Was es bedeutet, wenn der Ursprung des Lebens selbst mit Bedrohung verbunden wird.
Das Weibliche verbindet uns mit:
dem Schoß.
dem Empfangen.
dem Nähren.
dem zyklischen Leben.
dem Dunklen.
dem Unsichtbaren.
dem Erdverbundenen.
Wenn die Dunkelheit als minderwertig betrachtet wird, dann bleibt diese Haltung nicht ohne Folgen für alles, was symbolisch mit ihr verbunden ist.
Vielleicht erklärt das zumindest teilweise:
Warum wir den Schoß der Erde ausbeuten.
Warum wir den weiblichen Körper kontrollieren.
Warum wir Ruhe mit Faulheit verwechseln.
Warum wir Stille kaum noch aushalten.
Warum wir glauben, ständig leisten zu müssen, um wertvoll zu sein.
Doch die Natur kennt diese Bewertung nicht.
Für sie gehört die Dunkelheit genauso zum Leben wie das Licht.
Ohne Nacht kein Morgen.
Ohne Winter kein Frühling.
Ohne Vergehen keine Geburt.
Im Gegenteil, die Natur würdigt die Dunkelheit.
Alles Leben beginnt in der Dunkelheit.
Der Samen keimt in der dunklen Erde.
Das Kind wächst im dunklen Schoß.
Die Sterne werden erst am dunklen Himmel sichtbar.
Selbst unser Körper regeneriert sich in der Nacht.
Die Dunkelheit ist nicht der Feind des Lebens.
Sie ist sein Ursprung.
Und hier erkennen wir, dass die Sommersonnwende womöglich das Fest der Rückkehr zur Dunkelheit ist.
Und während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich beides.
Die tiefe Wahrheit dieser Bewegung.
Und gleichzeitig die alte Konditionierung, die das Dunkle mit Gefahr verbindet.
6. Ein Fest der Erinnerung
Was wäre, wenn wir zur Sommersonnwende etwas anderes feiern würden?
Nicht nur die Kraft des Lichtes.
Nicht nur seine Fülle.
Nicht nur seine sichtbare Schönheit.
Sondern auch den Raum, aus dem es hervorgeht.
Vielleicht erinnert uns die Sommersonnwende daran, dass das Leben kein permanentes Wachstum kennt.
Dass alles, was sich ausdehnt, sich irgendwann wieder sammelt.
Dass alles, was hervortritt, irgendwann wieder nach Hause findet.
So wie der Atem.
So wie die Gezeiten.
So wie die Jahreszeiten.
Am Anfang dieses Artikels habe ich geschrieben, dass Winter- und Sommersonnwende Geschwister sind.
Die Wintersonnwende erinnert uns daran, dass das Licht aus der Dunkelheit geboren wird.
Die Sommersonnwende erinnert uns daran, dass das Licht seinen Ursprung niemals verlassen hat.
Im Augenblick seiner größten Strahlkraft beginnt bereits die Heimkehr.
Nicht sichtbar.
Nicht laut.
Fast unmerklich.
Und doch folgt die Natur dieser Bewegung mit einer Selbstverständlichkeit, die uns staunen lässt.
Sie hält den Höhepunkt nicht fest.
Sie klammert sich nicht an die Blüte.
Sie vertraut dem Rad des Lebens.
Vielleicht ist dies die eigentliche Weisheit der Sommersonnwende.
Das Vertrauen, dass wir nichts festhalten müssen.
Weder die Jugend.
Noch den Erfolg.
Noch das Licht.
Denn alles kehrt zurück.
Zum Ursprung.
Zu jenem dunklen, fruchtbaren Raum, aus dem alles Leben hervorgeht.
Dorthin, wo der Same ruht.
Wo das Kind heranwächst.
Wo Neues Gestalt annimmt, lange bevor es sichtbar wird.
Vielleicht ist die Sommersonnwende deshalb nicht nur ein Fest des Lichtes.
Vielleicht ist sie ein Fest der Erinnerung.
Die Erinnerung daran, dass das Licht seinen Ursprung nie verloren hat.
Die Sommersonnwende zeigt uns die Bereitschaft in vollem Vertrauen zum Ursprung zurückzukehren.
Und dass die Dunkelheit nicht das Ende ist.
Sondern der Ursprung,
der wartet.
Wie immer.
Angelika Michels
Juni 2026
Wenn dich diese Gedanken berühren und du die nächsten Impulse begleiten möchtest, dann lade ich dich herzlichst ein, dich mit mir zu verbinden.